Wildwachsende Orchideen der Schweiz: kennen, verstehen, schützen

Datum:01. September 2026
Referent / Fotos:Beat Wartmann
Bericht:Rita Hofmann


Der Präsident der AGEO (https://ageo.ch), Beat Wartmann, zeigte uns die Vielfalt der heimischen Orchideen und erklärte das erstaunliche Bestäubungsverhalten. Praktisch alle heimischen Orchideen sind Geophyten, die die meiste Zeit des Jahres geschützt unter der Erde verbringen. Die Orchis überwintern mit runden Speicherknollen, die Dactylorhiza mit fingerförmigen.

Die Bestäubung der Orchideen ist sehr speziell und ein Familienmerkmal. Erst 1793 entdeckte Konrad Sprengel, dass die Bestäubung der Anfang der Fruchtbildung der Pflanzen war. 50 Jahre später widmete Charles Darwin der Bestäubung der Orchideen ein ganzes Buch. Typisch für diese Bestäubung ist, dass nicht einzelne Pollen übertragen werden, sondern Pollinien, die dem Bestäuber-Insekt aufgeklebt werden. Damit Selbstbestäubung verhindert wird, sitzen die Pollinien auf kleinen Stielen, die so aufragen, dass sie die Narben einer zweiten Blüte an der gleichen Pflanze nicht berühren. Erst nach 30-60 Sekunden, einer Zeit, in der ein Bestäuber-Insekt normalerweise schon zur nächsten Blume geflogen ist, senken sich die Stiele ab und die Pollinien können so die Narbe einer Blüte einer anderen Pflanze erreichen.

Viele Ragwurzarten sind Sexualtäuschblumen, die statt Nektar Lockstoffe (Pheromone) ausscheiden, die in ihrer chemischen Zusammensetzung dem Duft der Weibchen ganz bestimmter Bienenarten sehr ähneln.  Diese Düfte können aus bis zu 100 verschiedenen Komponenten zusammengesetzt sein. Der Duft ändert sich nach der Bestäubung, um weitere Männchen abzuschrecken. Auch besitzen diese einen typischen Haarstrich, der das Bestäuber-Insekt leitet.

Ein weiteres typisches Merkmal der Orchideen ist, dass der Samen praktisch nur aus dem Embryo besteht ohne Nährgewebe. Daher kann er nicht keimen ohne eine Symbiose mit Mykorrhiza-Pilzen, dies sind Lebensgemeinschaften von Bodenpilze, die einander Nährstoffe zuleiten. Einige Orchideen ohne Chlorophyll, wie z. B. die Nestwurz, leben auch als Parasiten auf den Pilzen.

Die Bestandszählung von Orchideen ist sehr kompliziert. Jedes Jahr blüht nur ein Teil der Pflanzen an einem bestimmten Ort. Man muss daher Standorte über mehrere Jahre oder Jahrzehnte beobachten, um zu sehen, ob die Population stabil ist. Je nach Art können Orchideen unterschiedlich lange leben. Ein Frauenschuh in Deutschland wurde über viele Genrationen von einer Familie dokumentiert und wurde mindestens 350 Jahre alt. Die fleischrote Fingerwurz wird wohl maximal 25 Jahre alt, die Spinnenragwurz 5-6. Wichtig für das Überleben der Orchideen ist, dass sie während der Vegetationsphase nicht gemäht werden.  Daher findet man sie eher in Magerwiesen oder Feuchtwiesen, die erst ab September gemäht werden. Gülle und Düngung zerstört viele Orchideenstandorte.  Ein weiteres Problem ist die Überdüngung aus der Luft durch Ammoniakemissionen von Landwirtschaft und Verkehr.

Die AGEO überwacht Orchideenstandorte und kartiert sich auch in 5 x 5 km Quadraten. Das orchideenreichste Quadrat der Schweiz mit 42 Arten ist Sigriswil, auch weil dieses vom Thunersee bis zum Rothorn viele Höhenstufen umfasst.

Nach dieser Einführung in die Biologie und Verbreitung wurden noch einige der häufigsten Orchideenarten kurz vorgestellt, nämlich Anacamptis (coriophora, pyramidalis, morio, palustris, laxiflora, papiolionacea), Cephalanthera (damsonium, longifolia, rubra, Chamorchis alpina, Corallorhiza trifida, Cypripedium calceolus, Daytylorhiza fuchsii, incarnata, lapponica, majalis, sambucina (rote und gelbe Form), Traunsteinia viridis, Epipactis atrorubens, helleborine, palustris, purpurata (eher im Norden)), Epigonim aphyllum (blüht nur alle 6-10 Jahre), Goodyera repens,  Gymnadenia odoratissima, rhellicani, rubra), Herminium monoorchis, Himantoglossum hircinum), Limodorum abortivum, Liparis loeseli, Malxis monophyllos, Neotinea ustulata, Neottia ( cordata, nidus-avis, ovata), Ophris (apifera, fuciflora, insectiflora, sphegodes,), Orchis (anthropophora, mascula, militaris, pallens, purpurea), Plantathera (bifolia, chlorantha), Spirantes (aestivales, spiralis) und Traunsteinera globosa.

Ein grosser Dank geht an den Referenten für seinen ausführlichen Einblick in die Biologie, die Vielfalt und die Verletzlichkeit der Schweizer Orchideen.

Vorgestellte Pflanze

Paphiopedilum Maudiae von Ruth Gerber